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Die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik
1. Zusammenfassung
Der Beitrag schildert die
Entwicklung der Strukturen und die bisherigen Einsätze im Rahmen der
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Er behandelt des
weiteren die notwendigen Fähigkeiten von Aufklärung, Navigation,
Telekommunikation und Transport und das Entstehen eines gemeinsamen
Marktes im Bereich der Verteidigung. Weitere Themen sind
Waffenexporte, Parlamentarische Kontrolle, die Initiativen des
Weimarer Dreiecks und die Situation der Soldaten im Einsatz.
2. Die Sicherheits- und
Verteidigungspolitik der Europäischen Union
Die Reaktion der
Europäischen Union auf die Ereignisse in Libyen war ein schwerer
Rückschlag für die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik
der Europäischen Union. Frankreich und Großbritannien setzten ihre
Streitkräfte ein, Deutschland enthielt sich der Stimme im
Sicherheitsrat. Die Initiative wurde von einer Koalition der Willigen
ergriffen, die dann von der Nato übernommen wurde. Zwar waren
überwiegend europäische Soldaten im Einsatz, aber die Europäische
Union als solche trat so gut wie nicht in Erscheinung. Dabei
hätte ein gemeinsames Vorgehen der
Europäischen Union in ihrer direkten Nachbarschaft politische
Signalwirkung gehabt und gezeigt, dass die Gemeinschaft nach
Inkrafttreten des Vertrages von Lissabon und durch den Aufbau des
Europäischen Auswärtigen Dienstes eine bessere Handlungsfähigkeit
erreicht hat. Dabei hätte man auch davon ausgehen können, dass die
Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union mit ihrer
engen Verzahnung von zivilen und militärischen Mitteln der
Krisenbewältigung für die Begleitung des Arabischen Frühlings über
geeignete Instrumente verfügt.
Wenn es dagegen um die
Durchsetzung einer Flugverbotszone geht, hat die Nato ihre
Leistungsfähigkeit erneut bewiesen. Dieses zeigt, dass das
Verhältnis zwischen Nato und Europäischer Union erneut überdacht
werden muss.
Die Entwicklung der
Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik
Der ursprüngliche Anlass
für das Projekt einer gemeinsamen Sicherheits- und
Verteidigungspolitik der Europäischen Union waren die Kriege auf dem
Balkan. Wie viele andere Europäer habe ich es damals als eine
Schande empfunden, dass wir nicht dazu in der Lage gewesen sind,
dieses Blutvergießen zu verhindern beziehungsweise zu beenden. Es war eine Situation
entstanden, in der ein europäischer Bürgerkrieg nur durch den
Einsatz von Streitkräften beendet werden konnte. Damals haben die
Nationalstaaten Europas versagt. Das scheinbar so mächtige Europa
hatte weder die erforderlichen Strukturen noch die Möglichkeiten
einzugreifen. Schließlich haben unsere Verbündeten von der anderen
Seite des Atlantik das Problem für uns auf ihre Weise gelöst.
Noch heute muss man sich
die Frage stellen, warum denn eigentlich die Probleme Europas mit
seinen 500 Millionen Bürgern und einem Bruttoinlandsprodukt von mehr
als 10 000 Milliarden Euro von 240 Millionen Amerikanern mit einer
etwa gleichen Wirtschaftsleistung gelöst werden müssen. Die ersten Beschlüsse auf
dem Weg zu einer Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik
kamen in einer ungewohnten Konstellation zustande. In der
Vergangenheit waren es immer Frankreich und Deutschland gewesen, die
gemeinsam europäische Initiativen entwickelt hatten. Jetzt waren es
Frankreich und Großbritannien, die in St. Malo 1998 eine Europäische
Identität im Bereich der Sicherheit forderten. Dieses führte zu den
Beschlüssen des Europäischen Rates in Köln und Helsinki,
wonach der Europäischen Union bis zu 60 000 Soldaten und Soldatinnen
für Kriseneinsätze zur Verfügung stehen sollten.
Die Europäische
Sicherheitsstrategie
Auf dieser Grundlage
entwickelte Javier Solana, der damalige Hohe Vertreter für die
Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, die heute noch gültige
Sicherheitsstrategie der Europäischen Union. Diese beginnt mit der
Feststellung, dass kein Land in der Lage ist, die komplexen Probleme
der heutigen Zeit im Alleingang zu lösen und dass die Europäische
Union als Zusammenschluss von Staaten, die ein Viertel des
Bruttosozialproduktes weltweit erwirtschaften, dazu bereit sein
sollte, Verantwortung für die globale Sicherheit und für eine
bessere Welt mit zu tragen. Des weiteren wird
festgestellt, dass jedes Jahr 45 Millionen Menschen an Hunger und
Unterernährung sterben, und dass Sicherheit eine der Voraussetzungen
für jede wirtschaftliche und soziale Weiterentwicklung ist.
Wichtigstes
Charakteristikum der Europäischen Sicherheitsstrategie ist ihr
breiter Ansatz, die enge Verzahnung von zivilen und militärischen
Instrumenten der Krisenbewältigung und das Ziel einer Weltordnung
auf der Grundlage eines wirksamen multilateralen Systems im Rahmen
der Charta der Vereinten Nationen. Dieses war die Antwort Europas auf
die damalige Strategie der Vereinigten Staaten, die in erster Linie
auf die so genannten Koalitionen der Willigen setzte.
Diese Europäische
Strategie wurde 2003 von den Staats- und Regierungschefs der
Europäischen Union beschlossen und im Dezember 2008 unter
französischer Präsidentschaft nochmals ergänzt.
Strukturen
Auf der Grundlage dieser
Beschlüsse wurden inzwischen mehr als zwanzig zivile und
militärische Einsätze durchgeführt. Um diese zu ermöglichen,
mussten die dazu erforderlichen Strukturen geschaffen werden. In den ersten Jahren war
es in erster Linie Javier Solana, der als Generalsekretär des Rates
und Hoher Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik diesem neuen
Feld Europäischer Politik ein Gesicht gegeben hat. Das Europäische Parlament
hat einen Unterausschuss für Sicherheit und Verteidigung
eingerichtet, der in den ersten Jahren von mir geleitet wurde. Es ist
die Aufgabe dieses Unterausschusses, die neu entstehende Sicherheits-
und Verteidigungspolitik der Europäischen Union parlamentarisch zu
begleiten und gemeinsam mit den Parlamenten der Mitgliedsländer die
notwendige parlamentarische Kontrolle zu gewährleisten.
Instrumente des Rates sind
das Politische und Sicherheitspolitische Komitee (PSK) und die
Europäische Verteidigungsagentur, deren Aufgabe es ist, einen
Europäischen Markt für Verteidigungsgüter zu schaffen und die
Sicherheitsforschung zu fördern. Dazu kommen die Schaffung
einer zivil- militärischen Planungsdirektion (CMPD), die sowohl für
die zivilen als auch für die militärischen Aspekte der
Krisenbewältigung zuständig sein soll und nicht permanente
Hauptquartiere zur Führung dieser Operationen.
Mit der Schaffung des
Europäischen Auswärtigen Dienstes auf der Grundlage des Vertrages
von Lissabon steht jetzt der Hohen Vertreterin für die Außen- und
Sicherheitspolitik, Baroness Ashton, ein neues Instrument zur
Verfügung, um eine kompetente und wirksame Gemeinsame Außen- und
Sicherheitspolitik zu gestalten. Dazu gehören nach dem
Vertrag über die Europäische Union „gemeinsame
Abrüstungsmaßnahmen, humanitäre Aufgaben und Rettungseinsätze,
Aufgaben der militärischen Beratung und Unterstützung, Aufgaben der
Konfliktverhütung und der Erhaltung des Friedens sowie
Kampfeinsätze im Rahmen der Krisenbewältigung einschließlich
Frieden schaffender Maßnahmen und Operationen zur Stabilisierung der
Lage nach Konflikten“. Diese Aufzählung von
Aufgaben zeigt den umfassenden Ansatz der Sicherheits- und
Verteidigungspolitik der Europäischen Union.
Bisherige Einsätze
Die bisherigen Einsätze
im Rahmen der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik
zeigen die gesamte Spannweite sicherheitspolitischer Aufgaben. Sie
reichen von der Unterstützung beim Aufbau eines rechtsstaatlichen
Justizsystems im Kosovo
und der Entsendung von Beobachtern nach
Georgien bis hin zu Einsätzen von
Streitkräften unter der Führung der Europäischen Union im Kongo,
im Tschad und am Horn von Afrika.
Im Kosovo werden die
militärischen Aufgaben von der Nato wahrgenommen. Der Beitrag der
Europäischen Union besteht nicht in der Entsendung von Soldaten,
sondern in der Unterstützung bei der Herstellung rechtsstaatlicher
Verhältnisse, insbesondere der Ausbildung der Polizei und dem Aufbau
eines unabhängigen Gerichtswesens. Die Mission EULEX ist derzeit die
größte zivile Mission der Europäischen Union. Ein weiteres
Beispiel für die Hilfe der Europäischen Union bei der Ausbildung
von Sicherheitskräften ist die Mission EUPOL Afghanistan.
Ein gutes Beispiel für
die Kombination verschiedener Instrumente der Sicherheitspolitik war
die Aktion der Europäischen Union bei der Krise in Georgien im
August 2008. Einerseits der diplomatische Einsatz des Ratspräsidenten
Nicolas Sarkozy in Tiflis und Moskau, der zu einem Waffenstillstand
führte, und andererseits die Entsendung von 300 Beobachtern in die
Krisenregion. Ihre Aufgabe ist es, die Situation zu analysieren, die
Rückkehr von Flüchtlingen zu beobachten und zum Abbau der
Spannungen und zur Stabilisierung der Lage zwischen den Parteien
beizutragen. Allerdings wurden hier
auch die Grenzen der Kapazitäten der Europäischen Union sichtbar.
Die Entsendung der Beobachter war nur durch einen außerordentlichen
Einsatz der vorhandenen Mittel möglich, und bei einem Besuch vor Ort
musste ich feststellen, dass Schutzausrüstungen, geschützte
Fahrzeuge und sogar Ferngläser Mangelware waren. Nicht gerade
optimal für eine Beobachtermission. Für die Zukunft wäre zu
überlegen, ob es möglich wäre, einen Pool mit einer
Grundausrüstung zu bilden, der jederzeit für Einsätze dieser Art
zur Verfügung steht. Beispiele für den Einsatz
von Streitkräften im Rahmen der Sicherheits- und
Verteidigungspolitik der Europäischen Union waren die Einsätze im
Kongo, im Tschad und im Golf von Aden. In den Kongo wurden
Streitkräfte unter der Führung der Europäischen Union entsendet,
um die dortigen Wahlen abzusichern. Die Vereinten Nationen hatten die
Europäische Union dazu aufgefordert. Es war ein genau umrissener und
zeitlich begrenzter Einsatz, der in diesem Sinne erfolgreich
durchgeführt wurde. Eine sehr brisante Situation bei dem Angriff von
Regierungstruppen auf den Führer der Opposition wurde durch die
Intervention der Europäischen Streitkräfte entschärft.
Seit Dezember 2008 kreuzen
Schiffe der Europäischen Union im Rahmen der Mission Atalanta im
Golf von Aden, um gegen die zunehmende Piraterie in dieser Region
vorzugehen und die Handelswege der Europäischen Union zu schützen.
Dennoch hielten somalische Piraten im Januar 2011 noch 31 Schiffe mit
mehr als 700 Seeleuten fest.
Die Mission EUFOR
Tschad/RCA vom Januar 2008 bis März 2009 hatte zum Ziel, die Lager
von Flüchtlingen und Vertriebenen entlang der Grenze zum Sudan zu
schützen, die immer wieder von Reitermilizen aus Darfur angegriffen
wurden. Im Tschad ist zum ersten
Mal ein Soldat bei einem Einsatz im Rahmen der Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungspolitik gefallen. Es war der Sergeant
Gilles Polin, 28 Jahre alt. Bei der Trauerfeier in Bayonne war die
Europäische Union durch Javier Solana und mich vertreten, Frankreich
durch Nicolas Sarkozy, Hervé Morin und Michèle Alliot-Marie. Die
Ehrung des gefallenen Kameraden durch sein Regiment war ein Eindruck,
den ich nicht vergessen werde.
Die Weiterentwicklung der Gemeinsamen Sicherheits- und
Verteidigungspolitik
Fähigkeiten
Bei jedem Besuch von
Streitkräften unter der Führung der Europäischen Union fällt auf,
wie unterschiedlich die Ausrüstung der verschiedenen nationalen
Kontingente ist. Dabei muss man sich in
Erinnerung rufen, dass die 27 Mitgliedsländer der Europäischen
Union jedes Jahr etwa 200 Milliarden für Verteidigung ausgeben. Das
ist fast die Hälfte der Verteidigungsausgaben der Vereinigten
Staaten, aber nach dem Kriegen auf dem Balkan wurde uns von unseren
amerikanischen Freunden bescheinigt, dass die Effizienz unseres
Beitrages irgendwo zwischen 10 bis 20 Prozent lag. Dazu kommt die
internationale Finanzkrise, die zu einem starken Druck auf alle
Verteidigungshalte führt. Daher stellt sich die Frage, welche
Verbesserungen durch mehr Zusammenarbeit erzielt werden können.
Dabei kann man
feststellen, dass die Defizite bei zivilen und militärischen
Einsätzen oft dieselben sind. Auch bei der Bekämpfung von
Naturkatastrophen geht es um Aufklärung, Navigation,
Telekommunikation sowie Luft-, See- und Landtransport. Darum ist zu
überlegen, wo in diesen Bereichen die bestehende Zusammenarbeit
weiter verstärkt werden kann und ob hier auch
Finanzierungsmöglichkeiten aus dem Haushalt der Europäischen Union
bestehen.
Aufklärung, Navigation,
Telekommunikation
Zunächst zur
satellitengestützten Aufklärung. Bei der Krise in Georgien war es
von großer Bedeutung, zu wissen, wer zu welchem Zeitpunkt die Grenze
nach Südossetien überschritten hatte. Dem Europäischen
Satellitenzentrum in Torrejon, den „Augen Europas“, stand jedoch
damals nur kommerzielles Bildmaterial zur Verfügung. Zumindest eines
der Mitgliedsländer verfügte damals über bessere Informationen
aufgrund von eigenen Kapazitäten. Inzwischen hat sich diese
Situation durch Vereinbarungen mit den betreffenden Mitgliedsländern
verbessert. Dazu kommt das satellitengeschützte
Erdbeobachtungsprojekt GMES (Global Monitoring for Environment and
Security), welches,
wie schon sein Name sagt, auch Sicherheitsaspekte hat und bisher mit
einer Milliarde Euro aus dem Forschungsrahmenplan der Europäischen
Union finanziert wurde.
Weitere 3,4 Milliarden
Euro aus dem Forschungsrahmenplan stehen für die Finanzierung des
Satellitennavigationsprojektes Galileo zur Verfügung. Auch dieses
Projekt hat notwendigerweise Sicherheitsaspekte, was allerdings
umstritten ist. Das Europäische Parlament hat mit einer breiten
Mehrheit gefordert, dass dieses Navigationssystem auch für die
Einsätze von Streitkräften im Rahmen der Europäischen Sicherheits-
und Verteidigungspolitik zur Verfügung stehen soll. Weitere Möglichkeiten für
gemeinsame sicherheitsrelevante Projekte, die den Weltraum betreffen,
sind das Satellitenaufklärungsprojekt MUSIS sowie Projekte zur
Überwachung internationaler Abkommen (Early Warning) und zur
Überwachung der Sicherheit des Weltraumes (Space Awareness).
Im Bereich der
Telekommunikation ist aus meiner Sicht ein Standardisierungsprojekt
von größter Bedeutung, SoftwareDefined Radio (SDR). Eine
Angelegenheit, die rein technischen Charakter zu haben scheint und
deswegen oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der politisch
Verantwortlichen liegt. Es handelt sich um eine gemeinsame technische
Basisnorm für geschützte Telekommunikation, die nicht nur für die
Streitkräfte, sondern auch für Polizei und
Katastrophenschutzeinrichtungen gelten soll. Dieses wäre bei
gemeinsamen Einsätzen von großem Vorteil. Dieser Vorteil, der auch
industriepolitische Bedeutung hat, wird allerdings nur zum Tragen
kommen, wenn nicht letztendlich unterschiedliche Versionen dieses
Standards beschlossen werden.
Transport
Weitere Möglichkeiten,
die bestehende Zusammenarbeit zu verbessern, sind im Bereich des
Transports zu finden. Schritte auf diesem Weg sind der Helikopter NH
90 und der Airbus 400 M. Wir sollten aber auch aus den
Schwierigkeiten lernen, die bei diesen Projekten aufgetreten sind.
Im Bereich der
Verteidigung gibt es noch keine Europäische Zertifizierung, die im
zivilen Bereich durch die Verwirklichung des Europäischen
Binnenmarktes eine Selbstverständlichkeit geworden ist.
Alexander Weis, der
damalige Leiter der Europäischen Verteidigungsagentur, hat mich auf
die hier entstehenden Kosten hingewiesen. Der Helikopter NH 90 ist
ein Projekt in der Größenordnung von 20 Milliarden Euro. Vier
Milliarden davon sind Kosten, die dadurch entstanden sind, dass
dieses Fluggerät nicht einmal für ganz Europa zugelassen werden
konnte, sondern dass diese Prozedur in mehr als zwanzig
Mitgliedsländern separat durchgeführt werden musste. Ein gutes
Beispiel für Geldverschwendung durch den Verzicht auf gemeinsame
Europäische Lösungen.
Pooling und Training
In anderen Bereichen gibt
es positive Beispiele der Zusammenarbeit, wie bei der gemeinsamen
Ausbildung für Piloten von Helikoptern und bei der Schaffung des
Europäischen Lufttransportkommandos in Eindhoven.
Ausschreibung,
Innergemeinschaftliche Verbringung
Die Regeln des
Europäischen Binnenmarktes fanden in der Vergangenheit im Bereich
der Verteidigung keine Anwendung. Der Vertrag enthält eine
Ausnahmebestimmung, auf die sich die Mitgliedsländer zur Wahrung
ihrer wesentlichen Sicherheitsinteressen berufen können. Diese
Bestimmungen wurden bisher sehr extensiv angewendet. Inzwischen haben jedoch
das Europäische Parlament und der Rat Richtlinien erlassen über die
Beschaffung und die innergemeinschaftliche Verbringung von
Verteidigungsgütern.
Bei dieser Gesetzgebung wurde Neuland betreten, denn erstmals fand
das Verfahren der Mitentscheidung im Bereich der Verteidigung
Anwendung. Hier entscheidet das Parlament gleichberechtigt mit dem
Rat. Bemerkenswert war auch, dass es dabei keine grundlegenden
Einwände aus Großbritannien gegeben hat, wohl auch deshalb, weil
beide Richtlinien der wirtschaftspolitischen Philosophie der
britischen Regierung entsprechen. Ein gutes Beispiel für
angelsächsischen Pragmatismus.Trotzdem wird es sich
zeigen müssen, wie stark sich diese beiden europäischen Gesetze
auswirken werden, denn sie stehen mit dem Artikel 346 des Vertrages
(ex-Artikel 296) weiterhin in rechtlicher Konkurrenz.
Waffenausfuhren
Die Schaffung eines
gemeinsamen Marktes für Verteidigungsgüter macht es auch notwendig,
klarer als bisher zwischen innergemeinschaftlichen und
außergemeinschaftlichen Exporten zu unterscheiden. Versendungen von
Verteidigungsgütern zwischen Mitgliedsländern sind im eigentlichen
Sinne keine Exporte, wenn man von dem Bestehen eines gemeinsamen
Marktes ausgeht. Diese „Exporte“ sind auch unproblematisch, da
sie zwischen Ländern erfolgen, die sich zu einer Union
zusammengeschlossen haben und bei denen man davon ausgehen kann, dass
sie in Zukunft keine Kriege miteinander führen werden.
Seit
Juni 1998 besteht ein Verhaltenskodex für Waffenausfuhren in der
Europäischen Union. In den ersten zehn Jahren seines Bestehens war
dieser nicht verbindlich. Durch den Gemeinsamen Standpunkt des Rates
vom 8. Dezember 2008 wurden rechtlich verbindliche Regeln zur
Kontrolle der Ausfuhr von Militärtechnologie und Militärgütern
geschaffen.
Im jüngsten Jahresbericht über die Ausfuhr von Militärtechnologie
und Militärgütern wird festgehalten, dass sich die Mitgliedsländer
in den Jahren 2009 und 2010 bemüht haben, den Verhaltenskodex in
nationales Recht umzusetzen.
Daraus wird die zögerliche Haltung der Mitgliedsländer betreffend
die Waffenausfuhren deutlich. Der Rat weist darauf hin, dass sich
Drittstaaten wie Bosnien und Herzegowina, die ehemalige jugoslawische
Republik Mazedonien, Island, Kanada, Kroatien, Montenegro und
Norwegen den vereinbarten Grundsätzen angeschlossen haben. Eine
effiziente Kontrolle von Waffenausfuhren ist von zentraler Bedeutung
für die Bekämpfung des Terrorismus, die Konfliktprävention, die
regionale Stabilität und die Förderung der Menschenrechte.
SAFE (Synchronized
Armed Forces Europe)
Für das Europäische
Parlament war die Situation der Soldaten und der Zivilpersonen in
gemeinsamen Europäischen Einsätzen von besonderer Bedeutung. Auf
der Grundlage meines Berichtes über die Europäische Sicherheits-
und Verteidigungspolitik, der am 19. Februar 2009 vom Europäischen
Parlament mit breiter Mehrheit angenommen wurde, befürwortete das
Europäische Parlament das Konzept SAFE (Synchronized Armed Forces
Europe), welches der damalige Präsident des Europäischen
Parlamentes, Hans-Gert Pöttering, erstmals bei der 7. Berliner
Sicherheitskonferenz im Dezember 2008 vorgestellt hatte.
Dazu gehört ein europäisches Soldatenstatut, das
Ausbildungsstandards, Einsatzdoktrin und Handlungsfreiheit im
Einsatz, Fragen der Pflichten und Rechte sowie das Qualitätsniveau
der Ausrüstung, der medizinischen Versorgung und die soziale
Absicherung im Falle von Tod, Verwundung und Dienstunfähigkeit
regelt. Später wurde dieses durch den Vorschlag eines
Wehrbeauftragten des Europäischen Parlamentes ergänzt.
Parlamentarische Kontrolle
Haushalt und Information
sind die wesentlichen Instrumente der Kontrolle, die einem Parlament
zur Verfügung stehen. Das Europäische Parlament hat die ihm zur
Verfügung stehenden Möglichkeiten nach besten Kräften genutzt. Bei zivilen Einsätzen hat
das Europäische Parlament Haushaltsrechte, denn diese werden aus dem
Haushalt der Europäischen Union finanziert. Diesen Hebel hat das
Europäische Parlament benutzt, um die anfangs etwas zögerliche
Information über die Sicherheits- und Verteidigungspolitik des Rates
zu verbessern. Die Einsätze von
Streitkräften werden dagegen über einen Umlagemechanismus von den
Mitgliedsländern finanziert. Hier liegen die Kontrollmöglichkeiten
bei den nationalen Parlamenten.
Das Europäische Parlament
hat schon in der vergangen Legislaturperiode alle ihm zur Verfügung
Möglichkeiten genutzt, um schon vor dem Einsatz von Streitkräften
umfassend informiert zu werden. Dazu gehören Informationsbesuche in
den Krisenregionen wie auf dem Balkan, im Kongo, im Tschad und in
Somalia. Dadurch war es möglich, schon vor den Entscheidungen des
Rates über den Einsatz von Streitkräften eine Stellungnahme des
Europäischen Parlamentes zu verabschieden. Diese Erfahrung veranlasst
mich auch, denjenigen zu widersprechen, die eine parlamentarische
Kontrolle der Verteidigungspolitik grundsätzlich für problematisch
halten, weil die Parlamente dafür zu langsam seien. Jedenfalls hatte
das Europäische Parlament seine Meinungsbildung abgeschlossen, bevor
der Rat über die Einsätze im Kongo und im Tschad entschieden hatte. Allerdings gibt es
kurzfristig auftretende Ereignisse, die unmittelbares Handeln
notwendig machen. Hier sind entweder Vorratsbeschlüsse notwendig
oder Eilverfahren der Parlamente. Bei dem Einsatz in
Georgien haben wir im Europäischen Parlament erstmals ein Verfahren
erprobt, wo an einem Tag zuerst eine Sitzung des Ausschusses und dann
eine Tagung des so genannten erweiterten Präsidiums stattfand, das
an der Stelle des Plenums zu entscheiden hatte.
Im Übrigen liegt die
Kontrolle bei den Parlamenten der Mitgliedsländer. Die
Parlamentarische Versammlung der Westeuropäischen Union hat den
Anspruch geltend gemacht, für die Kontrolle durch die
Mitgliedsländer zuständig zu sein. Institutionell stand dieser
Anspruch auf schwachen Beinen, wenn man auch der Parlamentarischen
Versammlung eine gute inhaltliche Arbeit bescheinigen kann. Da diese
Institution jetzt aufgelöst wird, gilt es jetzt neue Formen der
Zusammenarbeit zwischen den Parlamenten der Mitgliedsländer und dem
Europäischen Parlament zu entwickeln.
Initiative Weimarer Dreieck
Die Außenminister aus
Polen, Frankreich und Deutschland unterstützten im April 2011 die im
Rahmen der Initiative des Weimarer Dreiecks die Stärkung der
Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik und den Aufbau
neuer Strukturen. Das Kernelement dabei ist
der Aufbau permanenter zivil-militärischer Planungs- und
Führungsstrukturen für Einsätze der Europäischen Union. Bislang
weisen gemeinsame Operationen eine verminderte operative
Leistungsfähigkeit auf. Ein gemeinsames Hauptquartier könnte die
Aufteilung zwischen der Europäischen Union einerseits und den
Mitgliedsländern andererseits aufheben. Ein gemeinsames
Operationszentrum könnte anstelle der bislang fünf nationalen
Zentren von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Griechenland
und Italien treten. Dagegen wird unter Berufung auf das
Berlin-Plus-Abkommen von 2003 auf die bestehenden
NATO-Kommandostrukturen verwiesen. Die Gemeinsame Sicherheits- und
Verteidigungspolitik der Europäischen Union geht bewusst über rein
militärische Einsätze hinaus und betont auch den zivilen Charakter
gemeinsamer Operationen.
Ausblick
Das stärkste Argument für
die Weiterentwicklung der Europäischen Sicherheits- und
Verteidigungspolitik sind derzeit die leeren Kassen der
Mitgliedsländer. Wir können es uns nicht länger leisten, das Rad
nicht einmal, sondern siebenundzwanzig Mal zu erfinden.
Auf dieser Grundlage
könnten dann neue gemeinsame Initiativen entwickelt werden, wobei
man sich am besten auf Projekte von Größenordnungen konzentriert,
die aus finanziellen Gründen einzelnen Mitgliedsländern nicht mehr
zugänglich sind. Außerdem sollte geprüft werden, wo weitere
Möglichkeiten gemeinsamer Nutzung von Kapazitäten und von
Einsparungen durch gemeinsame technische Standards und
Zertifizierungen möglich sind.
Schließlich ist zu
überlegen, in welcher Weise das Konzept der battle groupsweiter entwickelt werden könnte. Unter
anderem sollten diejenigen Länder, die Träger multinationaler Corps
wie beispielsweise des Eurocorps sind, überlegen, ob sie im Rahmen
einer Permanenten Strukturierten Zusammenarbeit dazu bereit wären,
diese Einheiten der Europäischen Union permanent zur Verfügung zu
stellen.
Was wir jetzt brauchen,
ist eine breite öffentliche Diskussion über diese Fragen. Wir
müssen die bestehenden Führungsstrukturen und Fähigkeiten nochmals
unter die Lupe nehmen, um zu prüfen, ob sie den Anforderungen des
21. Jahrhunderts genügen.
Ob dieses eines Tages zu
einer Europäischen Armee führen wird, ist eine Frage des
politischen Willens. Es ist darum in erster Linie eine Frage an die
Bürger der Europäischen Union.
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